Nehmen die psychische Verfassung der Bevölkerung ernst: Bürgermeister Wolfgang Kocevar, Dr. Peter Stippl, Stadtrat Thomas Dobousek (v.l.n.r.).
Stadtgemeinde Ebreichsdorf
Die Dauerkrise führt bei vielen Menschen zu Ängsten, Depressionen und, nicht zuletzt bei Jugendlichen, zu Suizidgedanken. Die Stadtgemeinde Ebreichsdorf in Niederösterreich macht nun allen psychisch belasteten Bürgern ein Gesprächs-Angebot.
Das Gefühl der Überforderung, die existenziellen Sorgen und seelischen Nöte nach zwei Jahren Pandemie, all das gab es schon vor dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs. Der Ebreichsdorfer Gesundheitsstadtrat Thomas Dobousek, ein gelernter Krankenpfleger, nahm diese Unsicherheit in der Bevölkerung wahr – und nahm sie ernst.
Mit Unterstützung von Bürgermeister Wolfgang Kocevar fand sich eine Liegenschaft im Ortszentrum sowie mit Dr. Peter Stippl, seines Zeichens Präsident des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie ÖBVP, ein qualifizierter Verbündeter für das Vorhaben. Seit Mitte März bietet die Stadtgemeinde nun Gespräche, Beratung und bei Bedarf Psychotherapie im sogenannten „Rat.Haus“ an. „Es ist ein Raum für vertrauliche Gespräche“, sagt Dobousek. „Schlafstörungen, Panikattacken und Depressionen haben sich vervier- bis verfünffacht“, erklärt der Experte.
„Unsicherheit vertragen die Menschen vor allem auf Dauer ganz schlecht“, sagt Stippl, Koordinator des sechsköpfigen Psychotherapie-Teams in Ebreichsdorf. Und weiter: „Ganz besonders dramatisch ist, dass 20 Prozent der Mädchen Suizidgedanken hegen, ein Anteil der unter Jugendlichen normalerweise bei ein bis zwei Prozent liegt.“
Die Berichterstattung über die Krisen, die uns in Atem halten – von der Erderwärmung über die Corona-Pandemie bis zum Überfall auf die Ukraine – habe dazu geführt, dass auch der Umgang mit Problemsituationen und mit den damit zusammenhängenden Sorgen und Ängsten in der Gesellschaft diskutiert würden, sagt Stippl. „Das Schamgefühl, für die Seele Hilfe zu brauchen, ist heute deutlich reduziert. Es ist viel einfacher geworden, über tief bewegende Dinge zu reden, als noch vor zehn Jahren.“ Schon am ersten Tag der Aktion gab es vier Anmeldungen. Die Stadtgemeinde beteiligt sich an den Kosten, sodass für 50 Minuten Therapie noch 20 Euro zu bezahlen sind. Das Rat.Haus steht allen Bürgerinnen und Bürgern der aufstrebenden Stadtgemeinde offen.
Als Dobousek die ersten Pläne für die Beratungsstelle wälzte, war es in der Ukraine noch relativ friedlich. Nun, fast zeitgleich mit dem Start der Aktion, sind 60 Flüchtlingsfamilien in Ebreichsdorf eingetroffen. Diese werden nun erst einmal sicher untergebracht und integriert, das Beratungsangebot gilt – zumindest vorläufig – nicht für sie, sagt Bürgermeister Kocevar. Stippl dazu: „Solange man keinen sicheren Ort hat, geht es ums Überleben. Wenn man dann aber in Sicherheit ist, so wie hier in Ebreichsdorf, kommt der seelische Schmerz.
Sozialer Zusammenhalt
Gegen das kollektive Gefühl der Überforderung angesichts von Krieg und Krankheit, werden einige Therapiesitzungen wenig ausrichten. Doch es geht auch um das Erleben von Gemeinsamkeit, sagt Stippl. „Die Gemeinde identifiziert sich mit der Sorge der Bürger und macht Hilfsangebote. Es kommt ein Geist des Zusammenhalts auf: Gemeinsam schaffen wir das.“